Während das Netz sich gemeinsam gegen SOPA und PIPA stark macht erschafft Twitter seine ganz eigene Zensur-Infrastruktur.
Mit recht lapidaren Worten leitet Twitter einen aktuellen Blog-Eintrag ein, der es in sich hat: “Während wir weltweit wachsen, treffen wir auf Länder, die andere Ansichten über die freie Meinungsäußerung haben”. Bisher, so Twitter, habe man Inhalte, die nicht “gut” waren global entfernen müssen. Eine neue Infrastruktur erlaube es jetzt jedoch, fragliche Inhalte in spezifischen Ländern zu filtern. Angeführt werden im Blog Pro-Nazi-Inhalte, die in Deutschland verboten seien.
Twitter muss wachsen. Dafür muss es auch in Länder, die in der Tat andere Vorstellungen von freier Rede haben. China zum Beispiel, wo längst ein einheimischer Dienst den Markt erobert, der sich dem Diktat der chinesischen Regierung beugt. Das ein global agierendes Unternehmen länderspezifische Filter einsetzt, ist nicht neu. Man wende den Blick einfach in Richtung Google – die Suchmaschine filtert zum Beispiel einen Großteil von Inhalten, welche in die von Twitter angeführten Pro-Nazi-Schublade passen. Passagen aus “Mein Kampf” wird man in der deutschen Google-Version wesentlich schwerer finden, als bspw. in den USA.
Twitter verspricht, sehr offen damit umzugehen, welche Inhalte man wo filtert. Wie dies praktisch aussieht, darauf gibt das Unternehmen auf einer ersten Hilfe-Seite Antwort.
Der Vorstoß von Twitter ist, für das Netz, im Grunde nicht neu. Andere große Netz-Unternehmen beugen sich bei ihren internationalen Ausflügen bereits den lokalen Ansichten freier Meinungsäußerung – egal, ob in China, dem Nahen Osten oder eben auch in Deutschland.
Bei Twitter nur liegt eine besondere Brisanz in der Luft. Zum einen spielte der Dienst im Rahmen des arabischen Frühlings eine große Rolle – über Dienste wie Twitter und Facebook hatten sich Demonstranten organisiert. Werden derlei Inhalte nun auf Basis von politischem Druck blockiert? Kitzlig auch: Twitter hatte erst im Dezember den Einstieg des saudiarabischen Prinz Alwaleed bin Talal al-Saud bekannt gegeben, der sich über seine Kapitalgesellschaft mit 300 Mio. Dollar an dem Dienst beteiligte. Die saudiarabische Königsfamilie war im Zuge des Arabischen Frühlings gegen Aufständige vorgegangen und hatte Bahrain bei Unruhen mit Soldaten unterstützt.
Auf der anderen Seite geht kaum eines der Unternehmen, die auf Filter setzen, so offensiv mit der Einführung eben dieser um. Mangelnde Transparenz, auch dauerhafte bei der Anzeige, welche Inhalte in welchem Land blockiert sind, kann man Twitter nicht vorwerfen. Trotzdem ist der Aufschrei in der Netzgemeinde durchaus groß, da Nutzer den Dienst immer als freies Feld für freie Meinungsäußerungen und gesehen haben. Egal ob Augenzeugenberichte von Katastrophen oder Nachrichten von den Aufständen – Twitter hat sich in den letzten Jahren zunehmend als unreflektiertes, aber oft einziges Schaufenster in die Welt aufgetan, in die normale Nachrichtenwege nicht funktionierten. Mit der Einführung der Filtermöglichkeiten stellt Twitter nicht nur seine Unabhängigkeit sondern auch den Wahrheitsgehalt, den getickerte Informationen bspw. bei einer Suche liefern, in Frage.
Aktuell formt sich ein starker Protest gegen Twitter. Der chinesische Aktivist Ai Weiwei hat bereits bekannt gegeben, Twitter nicht mehr zu nutzen, sollte man an der Einführung der Filter festhalten.