Der Tod und das Social Web.

Der Tod ist der endgültige Verlust der für ein Lebewesen typischen und wesentlichen Lebensfunktionen.

(Wikipedia)

Unter sozialem Tod verstehen wir, dass jemand völlig vereinsamt, sich so zurückzieht, dass er praktisch keine Beziehungen zu seiner Umwelt, zu Nachbarn, Arbeitskollegen und u.a. unterhält.
Bei älteren Leuten oder Menschen mit Behinderungen oder auch nach schweren, persönlichen Erlebnissen kommt so etwas vor. Der Rückzug erfolgt oft in mehreren Stufen und kann durch Ausgrenzungen (Mobbing) oder Verlust des Partners, der Arbeit veranlasst sein.

(Kommprojekt)

Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen.

(Facebook)

Hört ein Körper auf, seine Funktionen zu erfüllen, hört ein Hirn auf zu arbeiten, ist man maschinenlos für sich, atemlos, dann scheint man doch eigentlich tot zu sein. Die Definitionen von Hirntod oder nicht sollen hier außen vor bleiben, Fakt ist. Wenn man nicht mehr atmet und der Körper nichts mehr tut, dann ist man doch tot, oder? Rein faktisch. Doch erst durch die Information an andere Menschen ist man dann auch wirklich “anerkannt” tot, es muss irgendjemand diesen Fakt feststellen. Und wenn dies erfolgt ist, die Tatsache besteht. Dann bleibt von uns noch so viel – Kommunikation. Von mir bleibt ein Körper, dessen letzter Weg durch tradierte Mechanismen recht klar geregelt ist. Doch was auch noch bleibt ist meine Facebook-Seite, mein Twitter-Account, meine Xing-Kontakte, mein Blog. Hier existiere ich weiter, hier werde ich aus Unwissenheit weiter in Fotos markiert, in Tweets genannt, als Kontakt angefragt. Und wenn keine Reaktion erfolgt, dann schreibt man das der Oberflächlichkeit der Medien zu, aber doch nicht im Traum denkt man daran, dass diese Person nicht mehr ist.

Wer löscht mich? Wer lässt mich zur Ruhe kommen?
Im amerikanischen Raum gibt es für dieses Problem bereits einige Unternehmen, die sich als digitale Nachlassverwalter einsetzen. Auch hierzulande treten Firmen wir Semno auf, die den Service anbieten, nach dem Versterben eines Menschen, dessen digitales Erbe abzuwickeln. Konten und Profile im Internet, Domainbesitz, Abos – all das kostet Geld und muss gekündigt werden. Die Erben treten an die Rechtsstellung des Toten. Semno z.B. untersucht den hinterbliebenen Computer und lässt Netzprofile löschen, kündigt Konten und benachrichtigt sogar die bestehenden Kontakte über den Tod des E-Mail-Fach-Inhabers. Bei manchen Anbietern genügt jedoch schon der Erbschein und die Angehörigen können die Löschung beantragen.

Die Verbraucherzentralen empfehlen, dass man sich schon zu Lebzeiten eine digitale (Vorsorge)vollmacht erstellt, in der alle Zugänge aufgelistet und Bevollmächtige benannt werden. Auch über ein digitales Schließfach kann man diese Daten sichern. In Diensten wie Lecacy Locker können die eigenen Daten eigenhändig gesammelt und Bevollmächtige angegeben werden. Das schwedische Unternehmen MyWebWill, das Gleiches vor hatte, hielt sich nur 2 Jahre. Hat der digitale Mensch kein Interesse an diesem Thema, oder ist es ihm nicht bewusst?

Die Digitalisierung des Todes hat durch das Aufkommen virtueller Friedhöfe bereits begonnen. Im Gedenkportal gibt es inzwischen mehrere zehntausend Seiten, die als Kondolenzseiten dienen. Verstorbene werden dort eingetragen, Angehörige und Freunde können ihre Anteilnahme bekunden, virtuelle Kerzen können angezündet werden. Das Portal erinnert die Hinterbliebenen an Geburtstage und ermöglicht bzw. erzwingt aktives Erinnern. Ist das gut so? Wieviel Aktualität verträgt der tote Mensch, ist eine Ansicht seines virtuellen Grabes zu jeder Zeit nutzenbringend oder nicht? Was denken wir über Profile, die nicht mehr besucht werden. Wird ein Grab vernachlässigt, interessiert das allenfalls den Friedhofsmanager, oder die Angehörigen der benachbarten Ruhestätten. Wie ist das bei der Vernachlässigung oder auch Verherrlichung digitaler Gräber?

Ist unser Hirn nicht so programmniert, dass es auch vergessen kann, dass Tatsachen im Nebel verschwinden, so dass man sich Neuem widmen kann? Wir verbringen Stunden vor dem Computer, um in einer virtuellen Welt zu kommunizieren, um uns zu zeigen, um zu unterhalten und Aufmerksamkeit zu generieren. Und nun müssen wir auch noch mit und über die Toten online reden? Hört es denn niemals auf, das Flimmern der Virtualität? Ist unser Leben ein Rauschen ohne Ende?

Juliane Uhl, conVela-Erinnerungskultur. conVela entwickelt neue Rituale, Kondolenzartikel und Erinnerungsschmuck und befasst sich in einem Blog mit den Themen Sterben, Tod und Trauer.

 

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