Bauer Verlag: Mit Leid und Gier auf Klickjagd im Social Web

Für was sind Fans in Social Media gut? Insbesondere für Medienmarken nicht für viel mehr als günstiges Klickvieh. Diesen Eindruck zumindest kann man gewinnen, wenn man manche Verlagspublikation auf Facebook näher betrachtet.
Mit allerlei billigen Tricks wird versucht, die eigenen Fans dazu zu bringen, auf die eigenen Links zu klicken und so den Traffic auf der Website zu erhöhen. So sehr man kritisieren kann, dass Facebook versucht, einen Walled Garden zu errichten – statt die Stärken der Plattform zu nutzen, setzen viele Anbieter auf die Neugier der Nutzer. Nachhaltig ist dies wenig. Solang jedoch einfach nur der Klick- und Besucherzähler auf Websites die entscheidende Währung im Netz ist, wird sich am Clickbait-Kampf wenig ändern.

Einen neuen Tiefpunkt im Kampf um den Klick hat nun die TV Movie auf Facebook erreicht.

Bereits seit geraumer Zeit ist der Programm-Titel im Social Web mit Clickbait-Beiträgen auf der Jagd nach Aufmerksamkeit. Am Dienstag nun sind die zuständigen Social Media Redakteure jedoch weit über das Ziel hinaus geschossen.

Die Nachricht um den an Krebs erkrankten TV-Moderator Roger Willemsen verpackten sie in diesem Facebook-Beitrag:
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Als Fans der Seite negativ auf den Beitrag reagierten, entschloss man sich, den Beitrag zu löschen sowie die eigene Pinnwand für initiale Nutzerkommentare zu sperren. Etwas später reagierte man mit einer halbherzigen Entschuldigung an die Nutzer – nicht jedoch an Willemsen, dessen Erkrankung man für den Clickbait nutzte.

Geschmackloser Clickbait hat beim Bauer Verlag Prinzip.

Dass die TV Movie allerdings nicht allein mit dieser Strategie ist, zeigt ein Blick auf die anderen Titel des Bauer Verlags, in dem u.a. auch die BRAVO sowie AUTO ZEITUNG veröffentlicht werden.
Dort adaptiert man die wohl zumindest von den Klickzahlen bis dato erfolgreiche Strategie und setzt auf ähnliche Mechanismen.
Zwei Beispiel-Beiträge vom Dienstag zeigen dies deutlich.

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Schaut man auf die Klick-Zahlen der Links, gibt die Strategie des Bauer-Verlages den Machern zumindest im Teil Recht. Über 8.000 Klicks sammelte der Artikel um den krebserkrankten Willemsen – keine so schlechte Zahl für eine Facebook-Seite mit rund 77.000 Fans, insbesondere wenn man keinen Wert auf die eigenen Fans legt sondern diese nur als Klickvieh sieht.
Die Auto Zeitung kommt mit ihrem Link auf 1.200 Klicks für ihren Beitrag (bei 83.000 Fans) – bei einem Thema, welches in Deutschland eigentlich niemanden interessieren muss, da es vom groß propagandierten Rückruf keine betroffenen Kunden in Deutschland gibt. Noch besser läuft es bei der BRAVO, die kommt gar auf satte 250.000 Klicks bei knapp 1.000.000 Fans auf Facebook.

Doch wie viel hat dies noch mit Seriösität, Journalismus oder der ernsthaften Auseinandersetzung mit den eigenen Fans zu tun? Denen kann man nicht einmal einen Vorwurf machen – die menschliche Neugier und Emotionalität wird hier gegen sie eingesetzt, um Klicks zu generieren.
Im Fall von Willemsen ging es über Grenze des erträglichen hinaus und löste einen mittelschweren Sturm gegen die Social Media Macher von TV Movie aus. Vielleicht (hoffentlich!) lernen die “Experten” von Bauer etwas daraus …

Für die Social Media Verantwortlichen anderer Unternehmen können Vorfälle wie der von TV Movie nur Dinge sein, aus denen man lernt. Allem voran, dass man die eigenen Fans nicht missbrauchen sondern ernst nehmen sollte – irgendwann kommt die selbst produzierte Antipathie sonst in Form von Empörung zurück.

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