medienrauschen, das; [Nomen] – ein Weblog rund um Neues und Lesenswertes aus den Themenbereichen Medien und Social Media

Nicht Facebook nervt, es sind die Firmen dort.

Ein Kommentar

Facebook beginnt zu nerven” übertitelt Philipp Laage einen Artikel in der ZEIT, in dem er schreibt, dass Facebook die Bedürfnisse der Nutzer nicht ernst genug nimmt. Demnach war Facebook im American Customer Satisfaction Index (ACSI) im Juli mit 61 von 100 möglichen “Zufriedenheitspunkten” nicht nur das schlechteste Social Network, sondern auch so unbeliebt wie MySpace vor zwei Jahren.

Dabei ist es überhaupt nicht Facebook in seinem Bestreben die heilige Datenkuh zu werden, das nervt.
Es sind die Nutzer. Oder besser, die Firmen.

An Nutzerzahlen kann Facebook kaum mehr zulegen, der Markt ist zunehmend gesättigt. Das Wichtigere für Facebook: Nutzer auf der Plattform zu behalten und sie zu beschäftigen. Die Währung “Verweildauer” ist im Netz für werbebasierte Plattformen neben Nutzerzahlen noch immer die Wichtigste.

Das Problem ist nur, ich will überhaupt nicht mehr dort sein.
Nicht, weil mich Anzeigen nerven. Nicht, weil Facebook bestimmt, wie meine Daten in meinem Profil dargestellt werden.
Sondern, weil mich Nutzer anfangen zu nerven.
Oder besser: Firmen.

Schwärme von Beratern haben Firmen eingebleut, dass “Engagement” das Einzige ist was zählt. Und so buhlen selbst DAX 30 Unternehmen mit kleinen Mädchen, halblustigen Scherzen und banalen Fragen um Aufmerksamkeit in Form von “Gefällt mir”-Klicks und Kommentaren.
“Betiteln Sie dieses Bild”, “Klicken Sie ‘Gefällt mir’, wenn Sie das auch toll finden”, “Was machen Sie an diesem warmen Tag?”, …
Ja, das Volk klickt und kommentiert. Und wie es scheint darf es banal, banaler, am banalsten sein, damit geklickt wird.

Aber nervt das nicht langsam?
Und vor allem: Nützt es wirklich was?

Ja, der Algorithmus von Facebook bevorteilt die Inhalte, die viel Interaktion beinhalten. Und im “Fastfood-Restaurant” des Konsums, das Facebook nun einmal ist, will ich in der Tat keine Romane auf Facebook lesen. Aber etwas mehr Gehalt darf es ruhig sein.

Ist nun “Engagement ist Kacke, werdet wieder Erwachsen” die nächste Beraterkuh, die durchs Dorf getrieben wird?
Kann sein. Aber mal ehrlich: Die Tonalität, die manche Firma da an den Tag legt ist weit entfernt von Glaubwürdigkeit und Markenpflege. Konsumenten sind nicht blöd und Marken können nicht personalisiert kommunizieren.
“Wisst ihr eigentlich, was ihr wollt?”, könnte die End-Frage von Unternehmens-Social Media-Pflegern ans Volk sein.
Wissen Sie: Gewinnspiele, Rabatte und “Firmen-Insides”. Sind zumindest immer die Standard-Antworten von Fans – egal welches Alter oder Geschlecht die Befragten haben, und egal um welches Consumer-Produkt es geht. Blöd nur (und soweit sind Firmen eben auch schon wieder), dass Gewinnspiele keine Interaktion bringen. Und selten “echte” Fans.

Was also darf es sein?
Wie wäre es mit sinnvoller Kommunikation. Wie wäre es mal mit Salat, nicht nur immer Cheesburger?

Facebook hat aktuell viele Probleme. Firmen in Brabbel-Laune sind eins davon. Wenigstens das aber kann man lösen.

Lesenswert, ebenso zum Thema:
Bernhard Jodeleit, Inflation der Interaktion: Notifications bis der Arzt kommt!
Ed Wohlfahrt, Social Media: wie trivial darf’s sein?
Richard Gutjahr, 7 Gründe warum Facebook fertig hat

Thomas Gigold
Blogger, Berater, Mensch